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Interview mit Jens: „Jeder Angriff auf uns bietet das Potential, daraus etwas zu machen und gestärkt daraus hervorzugehen.“

YDG: Zunächst einmal möchten wir uns bei dir bedanken, dass Du unserer Bitte um ein Interview nachgekommen bist. Magst Du Dich kurz vorstellen?

Jens: Danke für Euer Interesse und auch für Eure Solierklärung! Mein Name ist Jens, ich bin 30 Jahre alt, Linker und wohne in Stuttgart. Dort bin ich unter anderem im Linken Zentrum Lilo Herrmann und im Bündnis Stuttgart gegen Rechts aktiv. Ich bin Erzieher in einer größeren Kita im Stuttgarter Osten.

YDG: Mitte Juli veröffentlichte der baden-württembergische AfD Landtagsabgeordnete Emil Sänze eine Presseerklärung, in welcher er anprangerte, dass ein gewaltbereiter „Linksextremist“ als Erzieher in einer Kindertagesstätte in Stuttgart arbeiten würde. Diesen Punkt und weitere Vorwürfe sowie die Forderung der baden-württembergischen CDU, dass Du Deinen Job nicht mehr ausüben solltest, griff dann ein Journalist der Stuttgarter Nachrichten auf. Was denkst Du, warum gerade Du zur Zielscheibe wurdest?

Jens: Ich denke, dass die Sache vielschichtig ist, deswegen muss ich ein bisschen ausholen: Die Gesellschaft driftet nach Rechts. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, aber die Schnelligkeit und die Intensität, mit der sie das aktuell tut – Stichwort Chemnitz und vor allem die Reaktionen – kommt für Viele überraschend. In diesem Kontext ist es nur logisch, dass sich der Wettlauf um die rechteste Position zwischen CSU/CDU und Rechtspopulisten früher oder später zum Pakt entwickelt. Ob offen oder verdeckt ist eine andere Frage. Ich denke, dieses Zusammenspiel zeigt sich gerade dann, wenn es darum geht, gegen Links zu schießen. Im Großen, wie etwa nach den Protesten in Hamburg im vergangenen Jahr, ebenso wie im Kleinen, so wie in meinem Fall.

Den Rechten ist klar, wo ihre entschiedensten Gegner zu finden sind. Und das meine ich nicht nur bezogen auf die Wahl der Mittel, sondern auch im Gesamten. Ein linker Gesellschaftsentwurf ist das absolute Gegenteil von rechtem Neoliberalismus. Und zwar in allen Punkten.

Hinzu kommt, dass die Rechten es auch gerade in Stuttgart nicht so einfach haben. Es ist für sie nicht möglich, öffentliche Veranstaltungen durchzuführen, ohne zahlreiche und vielschichtige Gegenaktionen. Getroffene Hunde bellen nun einmal.

Dass es genau mich getroffen hat, ist an sich nicht wirklich schwierig zu begründen. Ich bin einfach als Person greifbar. Das heißt, ich spreche hin und wieder in der Presse für das Linke Zentrum oder moderiere die Kundgebungen gegen Rechts. Zeitgleich bin ich gewählter Mitarbeitervertreter in meinem Betrieb, somit ist auch meine Arbeitsstelle kein Geheimnis. In verschiedenen rechtsradikalen Kontexten versuchen mich seit Jahren Leute deswegen an den Pranger zu stellen. Da gab es schon einige Schmähungen und billige Fotomontagen auf rechten Hetzblogs im Internet. Mit dem Sprachrohr AfD und der Schützenhilfe der CDU haben sie es jetzt zumindest mal in die Stuttgarter Nachrichten geschafft.

Letztlich hätte es aber alle treffen können. Das ist in meinen Augen auch das Ziel der Kampagne. Sie wollen, dass sich Menschen abschrecken lassen, gegen Rechts und für eine bessere Gesellschaft einzustehen. Und genau da denke ich, ist es wichtig anzusetzen, Solidarität zu organisieren und den Spieß umzudrehen. Es ist kein Verbrechen für Perspektiven jenseits des Kapitalismus einzustehen. Das Gegenteil ist der Fall und dazu kann ich ohne Umschweife stehen.

YDG: In dem Artikel der Stuttgarter Nachrichten wird auch Deine Verurteilung wegen des Wurfes einer Tränengaskartusche in eine NPD-Kundgebung aufgegriffen, welcher jedoch einige Jahre her ist. Kannst Du uns kurz erklären, was da vorgefallen ist und warum Du – wie Du in Deinem persönlichen Statement auf der Homepage „Solidarität mit Jens“ erklärst – diesen Akt des Widerstandes bis heute für notwendig und richtig hältst?

Jens: Die Zeitung wärmt da – dank Kumpanei mit dem Verfassungsschutz – einen Vorfall von 2012 auf. Das war die Zeit vor dem Rechtsruck, die Zeit vor der AfD. Damals war die faschistische NPD die stärkste Kraft rechts der CDU/CSU. Die Partei hatte den Schulterschluss mit den militanten Kameradschaften vollzogen, saß in zwei Landesparlamenten und war bundesweit halbwegs gut organisiert. Im Rahmen einer deutschlandweiten Tour wollten die Faschisten an einem Vormittag unter der Woche auch in Stuttgart Halt machen und eine Kundgebung abhalten. Eine derartig offene und angekündigte Nazipräsenz auf Stuttgarts Straßen hatte es seit dem militant verhinderten Naziaufmarsch 2006 nicht mehr gegeben.

Mehrere hundert Menschen haben sich 2012 gegen den Werbe-LKW und die 14 dazugehörigen Nazis gestellt. Der Widerstand war vielschichtig: neben einer gemeinsamen Kundgebung und Blockadeversuchen gab es an diesem Tag auch militantere Aktionen. Letztlich hat ein Zusammenspiel aus allem dafür gesorgt, dass die Nazis unter großem Polizeischutz die Stadt verlassen mussten. Die Sache war für die NPD ein Flop.

Einen Fuß haben die Faschisten auch danach nicht auf Stuttgarts Straßen bekommen. Auch organisatorisch ist für die Nazis nichts entstanden. Das zeigt für mich deutlich, dass wenn viele Ebenen zusammenspielen, antifaschistische Arbeit erfolgreich sein kann. Gerade dann, wenn sie nicht erst loslegt, wenn der Gegner schon Landgewinne verzeichnet hat. An dieser Einschätzung ändert sich auch dann nichts, wenn der Gegner, in diesem Fall die „AfD“ größer und stärker ist als die mittlerweile marginalisierte NPD.

Ich würde in diesem Kontext gerne auf meine Prozesserklärung von damals verweisen. Einiges davon ist sicherlich von den gesellschaftlichen Entwicklungen überholt, der Kern ist aber bis heute aktuell.

(http://www.beobachternews.de/2014/03/28/der-widerstand-gegen-rechts-ist-notwendig/)

YDG: Wie war nach der Veröffentlichung der Presseerklärung und der Artikel in den Stuttgarter Nachrichten die Reaktion Deiner KollegInnen und der Eltern der Kinder aus der Kindertagesstätte, in der Du arbeitest?

Jens: Die Empörung über die Hetzjagd durch AfD, CDU und Stuttgarter Nachrichten war groß. Die meisten haben schnell verstanden, worum es da eigentlich geht – schließlich ist es auch in meinem Betrieb kein Geheimnis, dass ich Linker bin. Als Mitarbeitervertreter versuche ich mich am alltäglichen Kampf ums „Teewasser“, einige Eltern treffe ich hin und wieder bei Protesten gegen Rechts oder am 1. Mai auf der Straße und auch in der Zeitung war ich als Aktivist schon mit Namen und Gesicht.

Viele haben mich gefragt wie sie mich unterstützen können und haben das dann mit dem Anlaufen der Solikampagne auch getan. Mit öffentlichen Statements, durch die Sensibilisierung anderer oder nur durch ein nettes Wort im Alltag. Ich denke die Sache hat bei vielen nochmal das Bewusstsein für das geschärft, was sich zurzeit in Deutschland abspielt und dass diese Entwicklung näher an einem dran ist, als viele denken.

YDG: Wie ist der letzte Stand der Dinge? Musst Du ggf. eine Kündigung fürchten?

Jens: Nein, ich muss aktuell mit keiner Kündigung rechnen. Dazu hat sicherlich auch die breite Solidaritätswelle beigetragen. Das heißt aber nicht, dass die Sache für alle Zeiten ad acta gelegt ist. Die Angriffe von Rechts ändern nichts an meiner Überzeugung und für die werde ich auch weiterhin öffentlich und praktisch eintreten.

So wie sich die Gesellschaft aber aktuell entwickelt, ist es denke ich nur eine Frage der Zeit, bis es andere treffen wird – oder vielleicht auch nochmal mich. Wenn der Einfluss der AfD zunimmt, dann sind Säuberungsaktionen gegen Linke und Berufsverbote nur eine Frage der Zeit. Jetzt haben wir noch die Möglichkeit offensiv dagegen zu kämpfen.

YDG: Was war die wichtigste Erfahrung, die Du in den vergangenen Tagen und Wochen machen durftest?

Jens: Um es mit einem Wort zu sagen – Solidarität! Die ist immer noch eine, wenn nicht gar die stärkste unserer Waffen. Dort, wo ein Angriff darauf abzieht, einzelne für unsere gemeinsamen Ideen und Aktionen herauszugreifen, dort ist die richtige Antwort zusammen zu stehen. Und das unabhängig davon, ob wir jetzt mit allem bis ins Detail mitgehen können oder nicht. Ich denke, es ist in meinem Fall gelungen, genau das zu vermitteln. Die Liste derer, die meine Solierklärung unterzeichnet haben, zeigt das deutlich. Jeder Angriff auf uns bietet das Potential, daraus etwas zu machen und gestärkt daraus hervorzugehen.

Und diese Angriffe, gerade von Rechts, werden in den kommenden Jahren noch stärker werden. Die Gesellschaft polarisiert sich – das ist Gefahr und Chance zugleich. Die Zeit, in der sich die viele zurück gelehnt und gesagt haben: „Das geht mich nix an, das betrifft mich nicht“ ist vorbei. Ich denke, wir sollten das als Linke nutzen.

YDG: Vielen herzlichen Dank Dir, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast.

(Das Interview wurde am 30. August geführt.)

Es haben sich bereits viele Organisationen und Einzelpersonen mit Jens solidarisch gezeigt und auch eine Solidaritäsplattform für ihn gegründet, zu welcher man über folgenden Link Zugriff hat:

https://solidaritaetmitjens.wordpress.com/

Hier kann man auch die aktuellen Entwicklungen nachverfolgen und auch die allgemeine Solidaritätserklärung für Jens unterzeichnen.